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Swiss Army Man

Dan Kwan, Daniel Scheinert, USA, 2016o

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Auf einer einsamen Insel gestrandet, hat Hank bereits mit seinem Leben abgeschlossen und sich den Strick um den Hals gelegt, als ihn ein merkwürdiges «Strandgut» ablenkt und unverhofft zu seinem Lebensretter wird: Die aufgeblähte Leiche von Manny entpuppt sich als (un-)toter Alleskönner, mit dem sich trefflich Boot fahren, jagen und sogar kommunizieren lässt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Man lasse sich vom seltsamen Titel nicht täuschen. Dieser Film über einen einsam Gestrandeten, dem eine mitangeschwemmte Wasserleiche zum besten Freund wird, hat zum Schweizer Militär nur den einen Bezug, dass die Wasserleiche für den Schiffbrüchigen wie ein Schweizer Armee-Sackmesser wird: ein Allzweck-Werkzeug des Überlebens, mit dem man Boot fahren, Feuer anzünden und sogar eine tiefe Freundschaft schliessen kann. Gerade deshalb ist dies auch eine der wundersamsten Robinsonaden, die das Kino je hervorgebracht hat. Was im Kontext der Handlung und bei der Produktion an Mitteln fehlt, wird wettgemacht durch erzählerische Fantasie und aberwitzige Bildeinfälle. Das Wunderbarste am ganzen Unterfangen jedoch ist, wie der unbeschwert pubertäre Geist, der hier am Werk ist, sich als etwas zutiefst Menschliches entpuppt: definitiv auch ein fabelhafter Film über das Heranwachsen, die Entfaltung einer eigenständigen Persönlichkeit und die zentrale Rolle, die echte Freunde dabei spielen.

Andreas Furler

Mit Sicherheit die seltsamste Variation einer Robinson-Crusoe-Geschichte, die das Kino bisher hervorgebracht hat, lustvoll zusammenfantasiert von Dan Kwan und Daniel Scheinert. Der gestrandete Hank (Paul Dano) will sich vor lauter Einsamkeit umbringen, doch dann liegt eine Leiche mit heftigen Blähungen und mächtigen Erektionen (Daniel Radcliffe) in der Brandung. Ohne Vorwarnung beginnt ein psychedelischer Trip, ein absurdes Buddy Movie, eine Tour de Force für zwei völlig unerschrockene Schauspieler. Und unbarmherzig ist es am Ende nur die Zivilisation, die im Hintergrund lauert.

Tobias Kniebe

Die Regisseure Daniel Kwan und Daniel Scheinert haben mit Radcliffe einen dritten Daniel an Bord geholt und einen Film gemacht, der zwar ganz schön albern ist, aber auch kreativ und sehr lustig. Irgendwann fängt die Leiche an zu sprechen, sodass sich eine wundervolle Freundschaft entwickelt – und was mit Furzwitzen angefangen hat, wird überraschend zum berührenden Drama.

Gregor Schenker

Plus que d'une comédie prout-prout, un peu vulgos et hype dans ses références, le duo nous assène un portrait impitoyable d'une génération de trentenaires complètement paumée, écrasée par l'image du père, inondée de culture geek et donc fatalement coupée d'elle-même. Sorte de Seul au monde sous acides où le ballon Wilson serait remplacé par un cadavre priapique, Swiss Army Man nous bouscule en profondeur comme peu de films sont capables de le faire aujourd'hui.

Christophe Foltzer

Galerieo

16.10.2016
Utopie mit Furzantrieb

Ein Buddy-Movie, eine Robinsonade, viele Flatulenzen: „Swiss Army Man“ ist ein durchweg bemerkenswertes Spielfilmdebüt.

Von Tobias Kniebe

Dies ist der Film mit Harry Potter als furzender Leiche. In der Welt des Kinos eilt ihm ein ziemlich schräger Ruf voraus. Im alles entscheidenden Kampf um Aufmerksamkeit, dem sich heutzutage kein Kunstwerk mehr entziehen kann, ist das vermutlich ein Vorteil.

Am Anfang von „Swiss Army Man“ sieht man bekritzeltes Treibgut im Meer dümpeln. „Bin auf einer einsamen Insel gestrandet“, heißt es da. „Ganz allein und tödlich gelangweilt. Ich möchte sterben.“ Der depressive Robinson, der dann ins Bild kommt, sieht wirklich nicht gut aus: Die Haut gerötet, die Lippen aufgesprungen, Haar und Bart wild zerzaust.

Dann allerdings fasst er neuen Lebensmut, als er die Leiche eines jungen Mannes in der Brandung entdeckt – dunkelblauer Anzug, Krawatte, kariertes Hemd. Der Tote bringt Abwechslung, und er ist auch nicht gänzlich tot. Er furzt. Ständig entweichen ihm knatternde Gase.

Wie nun aus den Fürzen ein stetes Geblubber wird und aus dem Geblubber eine Art Druckluftantrieb; wie der Verschollene die Leiche zurück ins Wasser schiebt, sie rittlings besteigt, den Gasdruck hoch schaltet und dann wie mit dem Jetski durch die Wellen prescht, während triumphale Musik ihn antreibt, dass ist dann schon mehr als überraschend – es ist eines der größeren Kinowunder der letzten Zeit. Stille Tote kommen vielleicht in der Himmel. Furzende Leichen aber kommen überall hin.

Alles klar, denkt man an dieser Stelle: Diese einsame Insel liegt im Archipel des Gross Out-Kinos, das mit Furzwitzen, Sexkalauern und Körperflüssigkeiten beharrlich daran arbeitet, die Grenzen des Geschmacks immer weiter zu verschieben. In diesem Genre toben sich gern junge männliche Regisseure aus. „Swiss Army Man“ ist das Langfilmdebüt von Dan Kwan und Daniel Scheinert, zwei Supernerds, die sich in den Credits zusammenfassend nur „Daniels“ nennen – da scheint alles zu passen.

Auch ihr bekanntestes Werk, das Musicvideo „Turn Down for What“, weist in diese Richtung. Der Clip, den sie für die Rapper DJ Snake & Lil Jon gedreht haben, erreichte mehr als 500 Millionen Youtube-Views. Darin treiben sie den Körperkult des Hip-Hop auf die Spitze, entkoppeln Penisse und Brüste von den Bewegungen ihrer Besitzer und lassen sie im eigenen Rhythmus tanzen. Das sieht herrlich bizarr aus.

Eine gewisse Freude am provozierenden Körperkino, mit versteckten Schläuchen, pneumatischen Apparaten und animatronischen Gliedern, ist hier nicht zu leugnen. Allerdings wird der Film schon bald sehr viel reicher und vielschichtiger, als diese Details vermuten lassen. Denn Hank – so heißt der Gestrandete, den Paul Dano im Modus des staunenden Kindes spielt – braucht vor allem einen Zuhörer. Er beginnt, die Leiche mitzuschleppen und ihr alles Mögliche zu erzählen, und bald hat man das Gefühl, dass er nicht ohne Grund aus der Zivilisation geflohen ist. Der Müll, der überall herumliegt, lässt jedenfalls Menschen in der Nähe vermuten – sehr viel näher, als das bei einer echten Robinsonade der Fall sein dürfte.

Dann wird der Tote zunehmend untoter, spukt Wasser, öffnet die Augen, beginnt zu sprechen und wird auf den Namen Manny getauft. Daniel Radcliffe, der Harry Potter war und auch immer sein wird, spielt dieses Erwachen langsam, durch viele Stadien des Zombietums und der Gesichtslähmung hindurch – und es ist ihm herzlich egal, wie unvorteilhaft er dabei aussieht. Als echter Zauberlehrling des Kinos stellt er sich bedenkenlos in den Dienst der Sache, und gerade darin bewahrt er eine erstaunliche Würde. Das hat etwas sehr Britisches und Erwachsenes.

Manny jedenfalls ist ahnungslos wie ein moderner Kaspar Hauser, stellt aber die richtigen Fragen. Hank antwortet, so gut er kann – und will ihn dabei erkennbar vor den Fehlern bewahren, die ihn selbst in die Einöde getrieben haben. Bald geht es darum, was Frauen sind, warum sie Erektionen auslösen und wie man sie ansprechen kann. Daraus wird ein Rollenspiel mit fantasievollem Crossdressing, und schnell überschreitet die Intimität in dieser nekrophilen Freundschaft eine weitere Grenze des Unwohlseins.

Aber genau darum geht es – um das imaginäre Land, das jenseits allen Unwohlseins liegt. Um eine Geschichte, die eigentlich nicht provozieren will, sondern in aller Unschuld ihren Lauf nimmt, über sämtliche Konventionen hinweg. Und um ein seltsames Duo, das sich – kaum dass es beim Drehbuchschreiben erfunden war – nicht mehr kontrollieren ließ. So jedenfalls berichten es seine beiden Schöpfer, die ihren Helden durch alle Furzorgien, Leichengerüche, Masturbationsgespräche und Hetero-Hemmnisse hindurch gefolgt sind.

Aber ach, dieses Reich ist natürlich nicht von dieser Welt. Unter dem Strand des Paradieses liegt immer noch das Pflaster der Zivilisation, der Kultur und des Unbehagens. Dort wohnen Frauen, ohne die es nun mal leider nicht geht, die aber leider schon beim kleinsten Furz in Ohnmacht fallen. „Swiss Army Man“ wird dieses Dilemma nicht verleugnen, aber auch nicht akzeptieren – und in dieser Entschiedenheit ist der Film dann wieder sehr jugendlich. Ein Erstlingsfilm eben, der dem Furor eines Debüts alle Ehre macht.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv.
TAZ, 13.10.2016
© Alle Rechte vorbehalten TAZ. Zur Verfügung gestellt von TAZ Archiv
02.12.2016
"Nach Harry Potter hatte ich Angst, nur noch als Harry wahrgenommen zu werden"

Wie ist es, mit Mitte zwanzig schon ausgesorgt zu haben? Daniel Radcliffe über seine Jahre als Zauberlehrling, seine Alkoholphase und den Reiz von Indie-Filmen.

Von David Steinitz

Was fängt man als Schauspieler mit sich an, wenn man bereits mit Mitte zwanzig finanziell für immer ausgesorgt hat und der berühmteste britische Junge des Planeten ist?

Nach acht Blockbustern als Harry Potter hatte Daniel Radcliffe, heute 27 Jahre alt, keine Lust mehr auf Hollywood. Seit dem Ende der Potter-Reihe 2011 dreht er stattdessen einen kleinen Independent-Film nach dem anderen, wie aktuell den Thriller "Imperium", in dem er einen FBI-Agenten spielt, der sich in der amerikanischen Neonazi-Szene einschleusen muss.

Beim Treffen auf dem Züricher Filmfestival erzählt er sehr entspannt von seinem neuen Karriereweg: "Nach Harry Potter hatte ich Angst, nur noch als Harry wahrgenommen zu werden. Vor allem die britischen Boulevardzeitungen haben nur darauf gewartet, dass ich scheitere und abstürze. Die hätten am liebsten die Story geschrieben: Der ehemalige Kinderstar Daniel Radcliffe hat nie wieder einen Film hinbekommen, weil er in der Gosse gelandet ist. Deshalb wollte ich sofort danach regelmäßig weiterarbeiten."

Fünftausend Japaner, die ein zwölfjähriges Kind aus England feiern

Die Jahre als Zauberlehrling waren gerade bei den ersten Filmen eine ziemlich verrückte Zeit, berichtet Radcliffe: "Als ich zwölf war, sind wir nach Tokio geflogen, eine Promo-Tour für den neuen Potter-Film. Die Japaner sind mit die größten Potter-Fans überhaupt, die sind richtig fanatisch, was das angeht. Am Flughafen standen 5000 Fans und schrien und warteten - auf mich. Das war komplett irre, der totale Wahnsinn, fünftausend Japaner, die ein zwölfjähriges Kind aus England feiern."

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms rutschte er dann in eine Alkoholphase ab, weshalb er heute lieber gar nichts mehr trinkt: "Für mich ist es besser, nichts mehr zu trinken, weil ich darin einfach nicht gut bin, ich kenne dann kein Ende. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, morgens mit Riesenkater aufzuwachen und zwanzig SMS von der letzten Nacht zu lesen, in denen steht: Alter, wo bist du? Alles o.k.?".

"Ich habe verdammt viel Glück gehabt"

Wenn er eines Tages Kinder haben sollte, würde er ihnen zwar nicht verbieten zum Casting für einen Hollywoodfilm zu gehen, aber er fände es besser, wenn sie keine Stars werden. "Ich habe meine Erfahrungen mit dem Ruhm und einem Leben in der Öffentlichkeit, und muss sagen: Ich habe verdammt viel Glück gehabt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man abstürzt, gerade wenn man jung berühmt wird, ist sehr hoch."

Dass er mit kleinen Filmen wie "Swiss Army Man", "Horns" oder "Imperium" deutlich weniger Zuschauer erreicht als früher, ist für ihn kein Problem: Ich kann es mir erlauben mitzuspielen, wo ich will, auch wenn die Gage niedrig ist. Aber gerade weil ich mir das erlauben kann, fühle ich mich auch verpflichtet, Filme nur dann zu machen, wenn mir das Skript wirklich gefällt, egal ob ich glaube, dass es ein Hit wird oder nicht. Mir ist schon klar, dass nur ein winziger Bruchteil der Menschen, die in die Potter-Filme gegangen sind, sich auch einen harten Film wie "Imperium" anschauen. Aber wenn ich durch meinen Namen einem kleinen Film zumindest ein paar mehr Zuschauer einbringe, bin ich schon vollkommen zufrieden."

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
Variety, 22.01.2016
© Alle Rechte vorbehalten Variety. Zur Verfügung gestellt von Variety Archiv
The Hollywood Reporter, 22.01.2016
© Alle Rechte vorbehalten The Hollywood Reporter. Zur Verfügung gestellt von The Hollywood Reporter Archiv
Farts Are Beautiful: A Brief Analysis of Swiss Army Man
/ Glowing Screens
en / 20.12.2016 / 6‘18‘‘

Video Essay: How Swiss Army Man is Secretly a Transgender Film
Bobby Burns / Bobby Burns
en / 18.11.2016 / 9‘10‘‘

Interview with the Directors
Eric Marchen / Roger.tv
en / 03.07.2016 / 9‘05‘‘

Interview with the Directors
Von Kelly McEvers / NPR
en / 5‘49‘‘

Filmdateno

Genre
Fantasy, Abenteuer, Komödie, LGBT
Länge
95 Min.
Originalsprache
Englisch
Bewertungen
cccccccccc
ØIhre Bewertung7.0/10
IMDB-User:
7.0 (102348)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen q

Cast & Crewo

Paul DanoHank
Daniel RadcliffeManny
Mary Elizabeth WinsteadSarah
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Bonuso

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gGeschrieben
Besprechung Süddeutsche Zeitung
Tobias Kniebe
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Besprechung TAZ
Thomas Groh
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Interview mit Daniel Radcliffe
Süddeutsche Zeitung / David Steinitz
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Peter Debruge
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hGesprochen
Interview with the Directors
NPR / en / 5‘49‘‘
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