Überspringen

Dallas Buyers Club

Jean-Marc Vallée, USA, 2013o

s
vzurück

Dallas, 1985: Ron Woodroof ein Leben auf der Überholspur: Rodeos, Alkohol, Koks und Frauen bestimmen seinen Alltag. Bei einer Routineuntersuchung eröffnet ihm der Arzt, dass er HIV-positiv ist und nur noch 30 Tage zu leben hat. Als ihm das einzig legale Medikament AZT mehr schadet als nutzt, sucht Ron in Mexiko nach einer Alternative. Bald schmuggelt er die in den USA illegalen Medikamente im großen Stil ins Land, um sie auch an andere Patienten zu verkaufen.

Gut gemacht, Jean-Marc Vallée! Der Regisseur («The Young Victoria») erzählt die wahre Geschichte nicht als Tränendrüsendrücker, sondern schildert die Wandlung des homophoben Kotzbrockens zum Kämpfer für die Schwulenrechte nuanciert und absolut glaubwürdig. McConaughey und Jared Leto erhielten denn auch die Oscars für die beste Hauptrolle und die beste Nebenrolle.

Andreas Scheiner

Matthew McConaughey in Höchstform, als homophober Cowboy, der 1985 an Aids erkrankt – und dann in Mexiko Medikamente organisiert, die in den USA nicht zugelassen sind. Jean-Marc Vallées Film ist Heldenepos und Psychodrama – der Macho verwandelt sich, bis er nicht mehr nur um sein eigenes Leben kämpft. 

Susan Vahabzadeh

Mitte der 1980er-Jahre infiziert sich ein lebenslustiger Texaner mit HIV. Da die ärztliche Weisheit nicht in der Lage ist, ihn zu kurieren, greift er zur Selbsthilfe, um sein Leben zu verlängern, und macht aus seinem clever betriebenen Pillenschmuggel schließlich auch noch ein florierendes Geschäft. Eine auf wahren Ereignissen und Personen beruhende Anti-Establishment-Story, die sich vor allem in der zweiten Hälfte von einer realistisch-ironischen Betrachtung auf eine menschlich bewegende Ebene erhebt, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Die Glaubwürdigkeit dieser Entwicklung ist vor allem den vorzüglichen Schauspielern zu verdanken, deren Figuren dem Milieu geradezu entwachsen zu sein scheinen.

N.N.

Un récit édifiant, inspired by a true story, une conscience politique en étendard et des acteurs au sommet.

Romain Blondeau

On y admire un goût particulier pour la sophistication d'une image colorée et numérique qui procure une aura intime et lyrique au réel. Matthew McConaughey livre à nouveau une prestation hors norme. Jared Leto livre un transsexuel sidérant de vérité.

Pierre Eisenreich

Galerieo

04.02.2014
Im Stich gelassen

Vom Rodeo-Macho zum Lebensretter: Oscar-Mitfavorit Matthew McConaughey spielt in Jean-Marc Vallées Film "Dallas Buyers Club" einen homophoben Aidskranken, der sich seine Behandlung selbst organisieren muss und dabei zu einem anderen Menschen wird.

Von Susan Vahabzadeh

Der Typ ist von gestern, so ein richtiger Siebzigerjahre-Cowboy. Am Anfang von "Dallas Buyers Club" sieht man Ron Woodroof, wie er ein paar Rodeo-Schönheiten vernascht, ein dürrer Kerl in zu engen Jeans, der sich irgendwie toll vorkommt - kein sympathischer Typ. Er sieht schlecht aus, alt, ausgemergelt, schwächlich. Ron glaubt, dass das an seinem Lebenswandel liegt: Er arbeitet als Elektriker, der Rest ist Party, in seinem Trailer, beim Rodeo, in der nächsten Bar, er raucht wie ein Schlot und trinkt, als gäbe es kein Morgen. Bis er zusammenklappt. Und im Krankenhaus sagen sie ihm, dass es wirklich kein Morgen gibt.

Jean-Marc Vallées Film spielt zu der Zeit, als die neu entdeckte Krankheit Aids zur Seuche wurde - und viele noch glaubten, infizieren könnten sich allenfalls Schwule. Genau das glaubt auch der militant heterosexuelle Woodroof (gespielt von Matthew McConaughey) - bis er nicht länger verleugnen kann, dass es ihn erwischt hat. Er habe nicht mehr viel Zeit, sagen ihm die Ärzte, Heilung gebe es nicht, und er hustet schon Blut. Seine Kumpels sind genauso homophob wie er selbst, und was das bedeutet, bekommt er bald zu spüren. Ein Cowboy-Freund, dem er sich offenbart, erzählt es allen anderen. Woodroof fliegt aus dem Trailerpark, wo er lebt, und keiner will mehr etwas mit ihm zu tun haben - nicht mal mehr schlagen wollen sie sich mit ihm. Das ist ihnen zu gefährlich.

Kampfansage

Ron ist nun auf sich gestellt - es hilft ihm auch kein Arzt, nicht mal die eine Ärztin (Jennifer Garner), die wollen würde. Das einzige Medikament, das man in dem texanischen Krankenhaus hat, in dem Ron behandelt wird, ist der Wirkstoff AZT - aber es ist 1985, AZT ist noch in der Erprobungsphase, eine Studie wird gemacht. Ron könnte sich bewerben, müsste warten und wüsste dann immer noch nicht, ob er nicht doch nur ein Placebo bekommt. Also sagt er dem sicheren Tod den Kampf an.

Erst beschafft er sich AZT illegal -aber die Dosierung ist viel zu hoch. Er landet halb tot in einem Behelfsspital jenseits der Grenze, auf mexikanischem Boden - dort geht es ihm besser. Ein Arzt behandelt ihn, der in den USA nicht mehr praktizieren darf. Dessen Medikamente helfen wirklich - aber sie sind in den USA nicht zugelassen. Also beginnt Ron, Unmengen davon zum vermeintlichen Eigengebrauch über die Grenze zu schaffen, verkauft sie weiter, an die aidskranken Schwulen, die er nicht mag. Er tut sich mit einer Krankenhausbekanntschaft zusammen, Rayon (Jared Leto), um Kontakte zu bekommen. Um nicht als Dealer belangt zu werden, knüpfen beide die Medikamentenabgabe bald an eine neuerfundene Clubmitgliedschaft - so entsteht der "Dallas Buyers Club".

Zeitgeschichte und Anklage gegen das System

Als "Dallas Buyers Club" im Herbst in Toronto lief, war der Filme eine Überraschung - eine selten gute Mischung aus Zeitgeschichte und Anklage gegen das System. Vor allem aber eine Charakterstudie, ein Psychodrama. Es hat Ron Woodroof tatsächlich gegeben, und seinen Club, der die Versorgung von Aidskranken mit Medikamenten übernahm, während die Behörden blockierten. Sowohl die Figur als auch die Umstände sind allerdings dramatisch überspitzt, nur die Eckdaten stimmen. Wahr ist, dass sich die Patienten und Medikamentenhändler mit den Behörden ein Katz-und-Maus-Spiel lieferten, und tatsächlich hat dieser Ron Woodroof da mitgemischt, und ist selbst, in den letzten Jahren seines Lebens, ein anderer geworden. Einer, der gar nicht mehr nur sein eigenes Leben retten wollte.

Das Leben in der Randgruppe

Matthew McConaughey ist für seinen Auftritt als Ron Woodroof für einen Oscar nominiert, verdientermaßen. Obwohl er sich in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von Rollen - in William Friedkins "Killer Joe" oder Steven Soderberghs "Magic Mike", oder als Homosexueller in den Sechzigern, in "The Paperboy" - schon sehr erfolgreich von seiner Karriere als Teenieschwarm verabschiedet hat, nimmt Hollywood seinen Wandel zum Charakterdarsteller gerade erst zur Kenntnis. Aus den üblichen Gründen: Weil er Mut zur Hässlichkeit beweist, weil er einen spielt, der nichts mit ihm selbst zu tun hat, und - ganz wichtig - weil er sich für die Rolle fast bis zum Skelett heruntergehungert hat.

McConaughey macht darüber hinaus aber tatsächlich etwas, was man ihm vor ein paar Jahren, als er noch den Beau in mittelmäßigen Romantic Comedies spielte, nicht unbedingt zugetraut hätte: Er verwandelt sich vor unseren Augen, nicht nur physisch, sondern als Mensch, ganz langsam, mit jeder Szene ein wenig mehr.

Im Film ist es Rayon, der sanftmütige, rosa gewandete Paradiesvogel, der Ron hilft, ganz am Anfang seiner Krankheit. Er steht stellvertretend für viele neue Freundschaften, die der echte Ron bei seinem Kreuzzug gegen die Pharmabehörden geknüpft, und für viele Vorurteile, die er dabei verloren hat. Rayon erweicht den Rodeo-Macho mit einer unirritierbaren Herzlichkeit, der Ron sich dann irgendwann nicht mehr verschließen kann. So was kann man nur mit einiger dramaturgischer Freiheit erzählen.

Kritik an den Figuren

Es ist Jean-Marc Vallée, bei aller Begeisterung für die Schauspielleistungen, nicht nur Zustimmung entgegengeschlagen, als der Film in den USA anlief. Es gab einige Kritik daran, wie "Dallas Buyers Club" mit seinen Figuren umgeht: Dass es ein Film über einen Hetero ist, der fast im Alleingang für Abhilfe sorgt; dass andere Organisationen - die es natürlich gab, und die meist von Schwulen gegründet wurden - gar nicht vorkommen; dass die homosexuellen Charaktere hier nur eine Randerscheinung sind.

Man kann das nicht ganz von der Hand weisen - der Film handelt ja nun mal tatsächlich von der Initiative eines Heterosexuellen. Doch schwulenfeindlich ist das nicht - der wichtigste, emotionalste Teil dieser Erzählung ist die Beziehung, die zwischen Ron und Rayon entsteht. Fast alle Szenen in diesem Film, die Kraft entwickeln, die bewegend sind, spielen sich zwischen den beiden ab.

Leichtfertiger Umgang mit Fakten

Dass Vallée ansonsten recht leichtfertig mit den Fakten umgeht - das könnte man ihm dann schon vorwerfen. Zum einen erscheint hier AZT als mörderisches Teufelszeug, was so nicht ganz stimmt. Zum anderen schüttet er in seiner Begeisterung für die Selbstmedikations-Clubs das Kind mit dem Bade aus. Seine Beamten auf der Suche nach illegalen Substanzen sind allesamt nahezu diabolisch - in Wirklichkeit ist behördliche Regulierung bei der Abgabe und Zulassung von Arzneimitteln ja eine sinnvolle Erfindung, und kein unverschämter staatlicher Übergriff auf die Persönlichkeitsrechte.

An den Rahmenbedingungen, von denen Vallée erzählt, ändert das nichts. In dieser Geschichte vom homophoben Hetero, der sich plötzlich in einer sogenannten Randgruppe wiederfindet, steckt eine tiefere Weisheit: Bei einer Gesellschaft, die bereit ist, einen Teil ihrer Mitglieder ihrem Schicksal zu überlassen, kann man nie wissen, wen sie als Nächstes aussortiert.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
04.02.2014
© Alle Rechte vorbehalten Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Frankfurter Allgemeine Zeitung Archiv
The New Yorker, 04.11.2013
© Alle Rechte vorbehalten The New Yorker. Zur Verfügung gestellt von The New Yorker Archiv
The Guardian, 12.02.2014
© Alle Rechte vorbehalten The Guardian. Zur Verfügung gestellt von The Guardian Archiv
àVoir-àLire, 26.03.2015
© Alle Rechte vorbehalten àVoir-àLire. Zur Verfügung gestellt von àVoir-àLire Archiv
La Presse, 27.10.2013
© Alle Rechte vorbehalten La Presse. Zur Verfügung gestellt von La Presse Archiv
Conversations with Matthew McConaughey
/ SAG-AFTRA Foundation
en / 20.01.2014 / 84‘22‘‘

Entrevue avec Jean-Marc Vallée
/ Herby.tv
fr / 11.11.2016 / 4‘04‘‘

Anatomy of a Transformation - Matthew McConaughey
N.N. / Focus Features
en / 08.01.2014 / 11‘37‘‘

The Creative Effects Behind the Film
N.N. / Real by Fake
en / 28.02.2014 / 5‘07‘‘

Interview Melissa Wallack and Jared Leto
John Horn / The Los Angeles Times
en / 17.01.2014 / 3‘33‘‘

Interview Jared Leto
Von / Nerdist
en / 41‘47‘‘

Interview Bill Minutaglio (doctor of Ron Woodroof)
Von Elizabeth Blair / NPR
en / 4‘02‘‘

The long way of getting "Dallas Buyers Club" made
Von Neda Ulaby / NPR
en / 5‘21‘‘

Filmdateno

Genre
Drama
Länge
117 Min.
Originalsprachen
Englisch, Japanisch
Wichtige Auszeichnungen
Oscar 2014: Bester Hauptdarsteller (Matthew McConaughey)
Bewertungen
cccccccccc
ØIhre Bewertung8.0/10
IMDB-User:
8.0 (426862)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen q

Cast & Crewo

Matthew McConaugheyRon Woodroof
Jared LetoRayon
Jennifer GarnerDr. Eve Saks
MEHR>

Bonuso

iGefilmt
Conversations with Matthew McConaughey
SAG-AFTRA Foundation, en , 84‘22‘‘
s
Entrevue avec Jean-Marc Vallée
Herby.tv, fr , 4‘04‘‘
s
Anatomy of a Transformation - Matthew McConaughey
Focus Features, en , 11‘37‘‘
s
The Creative Effects Behind the Film
Real by Fake, en , 5‘07‘‘
s
Interview Melissa Wallack and Jared Leto
The Los Angeles Times, en , 3‘33‘‘
s
gGeschrieben
Besprechung Süddeutsche Zeitung
Susan Vahabzadeh
s
Besprechung Frankfurter Allgemeine Zeitung
Verena Lueken
s
Besprechung The New Yorker
David Denby
s
Fact check
The Guardian / Alex von Tunzelmann
s
Besprechung àVoir-àLire
Hadrien Martin
s
Besprechung La Presse
Marc-André Lussier
s
hGesprochen
Interview Jared Leto
Nerdist / en / 41‘47‘‘
s
Interview Bill Minutaglio (doctor of Ron Woodroof)
NPR / en / 4‘02‘‘
s
The long way of getting "Dallas Buyers Club" made
NPR / en / 5‘21‘‘
s
Wir verwenden Cookies, um Ihnen einen individuell angepassten Service zu bieten (Detailangaben hierzu in unserer Datenschutzerklärung.) Mit dem Weitersurfen auf cinefile.ch stimmen Sie unserer Cookie-Nutzung zu.